Zuerst leidet die Handlungsfähigkeit. Wenn eine Schlüsselperson ausfällt, lassen sich bestimmte Systeme nicht mehr ändern, erweitern oder im Fehlerfall schnell wiederherstellen, weil schlicht niemand weiß, wie sie aufgebaut sind. Es trifft dabei meist die älteren Anwendungen, die seit Jahren unauffällig im Hintergrund laufen und deshalb nie jemand angefasst hat.
Auch die Verhandlungsposition verschiebt sich. Ein Unternehmen, das von einer einzelnen Person abhängt, kann weder deren Arbeitsbedingungen frei gestalten noch den Dienstleister wechseln, bei dem dieses Wissen liegt. Mit Loyalität hat das wenig zu tun. Es ist eine strukturelle Lage, die für beide Seiten unangenehm ist.
Dass Wissen im Unternehmen bleibt, ist dabei keineswegs selbstverständlich. Der Hernstein Management Report, für den im Juli 2025 insgesamt 1.600 Führungskräfte in Deutschland und Österreich befragt wurden, kommt zu dem Ergebnis, dass 59 Prozent von ihnen Defizite beim Wissenstransfer im eigenen Unternehmen sehen. Bemerkenswert ist dabei ein Detail: In kleineren Unternehmen mit bis zu 50 Beschäftigten sehen 53 Prozent dieses Problem, in Großbetrieben 63 Prozent. Ob in kleinen Häusern tatsächlich weniger Wissen verloren geht oder es dort nur seltener auffällt, lässt die Befragung offen. Herausgeber des Reports ist ein Weiterbildungsinstitut, was bei der Einordnung zu berücksichtigen ist.
Aus der STRATIQ-Projekterfahrung: Bei einem Unternehmen aus der Rohstoffwirtschaft zeigte das Assessment, dass zentrales Systemwissen an einer einzelnen Person hing. Vertretungsregelungen gab es nicht, und ein erheblicher Teil der Abläufe war nirgends dokumentiert. Im Anschluss wurden die kritischen Systeme und Abhängigkeiten erfasst, Verantwortlichkeiten samt Vertretung festgelegt und das vorhandene Wissen schrittweise übergeben. Die Abhängigkeit von dieser einen Person ließ sich damit auflösen, ohne den laufenden Betrieb zu unterbrechen.